Warum eine einzige Qualifikationsbezeichnung nicht mehr ausreicht

Im vorherigen Beitrag haben wir die Frage gestellt, wer technische EV-Kompetenz und elektrische Sicherheitskompetenz vermitteln sollte.

Dabei wurde deutlich:

Beide Kompetenzbereiche erfüllen unterschiedliche Aufgaben und können über unterschiedliche Bildungswege erworben werden.

Damit stellt sich die nächste Frage:

Wie lassen sich diese unterschiedlichen Kompetenzen anschließend sinnvoll abbilden?

Denn ein Zertifikat oder eine einzelne Kursbezeichnung sagt noch nicht automatisch aus, was eine Person tatsächlich kann.

Ein zukunftsfähiges Qualifikationssystem sollte deshalb nicht ausschließlich Kurse dokumentieren.

Es sollte Kompetenzen sichtbar machen.


Zwei Kompetenzbereiche – ein individuelles Profil

EV – Electric Vehicle Competence

EV beschreibt die technische Kompetenz im Zusammenhang mit elektrisch angetriebenen Systemen.

Dazu können beispielsweise gehören:

  • Systemverständnis,
  • Fahrzeug- und Komponentenkenntnisse,
  • elektrische Antriebssysteme,
  • Energiespeicher,
  • Leistungselektronik,
  • Diagnose,
  • Fehlersuche,
  • Reparaturkompetenz.

EV beantwortet damit vor allem die Frage:

Wie gut versteht und beherrscht eine Person das technische System?


HV – Hazardous Voltage Safety Competence

HV beschreibt dagegen die elektrische Sicherheitskompetenz.

Dazu können beispielsweise gehören:

  • elektrische Gefährdungen erkennen,
  • Schutzmaßnahmen auswählen und anwenden,
  • Arbeitsbereiche sichern,
  • einen elektrisch sicheren Arbeitszustand herstellen,
  • Spannungsfreiheit feststellen,
  • geeignete Arbeitsverfahren anwenden,
  • persönliche Schutzausrüstung einsetzen,
  • Verantwortlichkeiten und Grenzen der eigenen Kompetenz kennen.

HV beantwortet damit eine andere Frage:

Wie sicher kann eine Person unter den jeweiligen elektrischen Bedingungen arbeiten?


Technische Kompetenz ist nicht automatisch Sicherheitskompetenz

Eine Person kann über sehr umfangreiche technische Kenntnisse eines Elektrofahrzeugs verfügen und dennoch nicht für jede elektrische Tätigkeit qualifiziert sein.

Umgekehrt kann eine Person über hohe elektrische Sicherheitskompetenz verfügen, ohne jedes Fahrzeug technisch diagnostizieren oder reparieren zu können.

Genau deshalb sollten beide Kompetenzbereiche getrennt bewertet werden.

Das führt zu einem wichtigen Grundsatz:

Technische Kompetenz und Sicherheitskompetenz können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Ein Qualifikationssystem sollte diese Unterschiede sichtbar machen – und nicht hinter einer einzigen Sammelbezeichnung verbergen.


Aus zwei Bereichen entsteht ein Kompetenzprofil

Statt einer einzigen Qualifikation entsteht dadurch ein individuelles Kompetenzprofil.

Eine Person kann beispielsweise verfügen über:

solide technische Kompetenz + grundlegende Sicherheitskompetenz

oder:

hohe technische Kompetenz + erweiterte Sicherheitskompetenz

oder:

spezialisierte technische Kompetenz + Kompetenz für besondere elektrische Arbeitsverfahren

Die genaue Kombination hängt von der Tätigkeit ab.

Damit wird Qualifikation wesentlich präziser beschrieben.

Nicht:

„Diese Person hat einen Hochvoltkurs.“

Sondern:

„Diese Person verfügt über definierte technische und sicherheitsbezogene Kompetenzen für bestimmte Tätigkeiten.“


Kompetenz ist nicht automatisch Berechtigung

Ein weiterer Punkt ist dabei wichtig.

Ein Kompetenzprofil allein beantwortet noch nicht automatisch die Frage, ob eine Person eine konkrete Tätigkeit durchführen darf.

Dafür können zusätzlich erforderlich sein:

  • nationale gesetzliche Anforderungen,
  • betriebliche Beauftragungen,
  • Gefährdungsbeurteilungen,
  • Herstelleranforderungen,
  • spezifische Arbeitsverfahren,
  • betriebliche Organisation,
  • zusätzliche Produktqualifikationen.

Deshalb sollte ein modernes System zwischen mehreren Ebenen unterscheiden:

Kompetenz

→ Was kann die Person?

Qualifikationsnachweis

→ Wie wurde diese Kompetenz nachgewiesen?

Beauftragung bzw. Verantwortung

→ Welche Tätigkeit darf die Person im jeweiligen organisatorischen Rahmen tatsächlich durchführen?

Diese Ebenen sollten nicht miteinander verwechselt werden.


Produktkompetenz bildet eine weitere Ebene

Neben allgemeiner technischer EV-Kompetenz und elektrischer Sicherheitskompetenz kann außerdem eine dritte Ebene erforderlich sein:

Produkt- und Systemkompetenz

Ein Hersteller kann beispielsweise besondere Kenntnisse verlangen für:

  • bestimmte Batteriesysteme,
  • Freischaltverfahren,
  • Diagnoseprozesse,
  • Reparaturmethoden,
  • spezielle Werkzeuge,
  • Software,
  • neue Technologien.

Damit ergibt sich ein dreiteiliges Modell:

EV

Technische Kompetenz

HV

Elektrische Sicherheitskompetenz

Produkt / System

Hersteller- oder produktspezifische Kompetenz

Erst die jeweils notwendige Kombination dieser Kompetenzen beschreibt die tatsächliche Handlungsfähigkeit einer Person.


Von Kursen zu Lernergebnissen

Damit verändert sich auch die Rolle der Ausbildung.

Ein Kurs ist nicht das Ziel.

Ein Kurs ist ein Weg, Kompetenz aufzubauen.

Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht sein:

„Wie viele Stunden hat die Person einen Kurs besucht?“

Sondern:

„Welche Lernergebnisse wurden erreicht und welche Kompetenz kann die Person nachweisen?“

Das ist der Kern eines kompetenzorientierten Systems.

Dauer, Unterrichtsform und Lernmethode bleiben wichtig.

Sie sind aber nicht das eigentliche Ergebnis.

Das Ergebnis ist die Kompetenz.


Competence First

Dieser Ansatz lässt sich in einem einfachen Grundsatz zusammenfassen:

Competence First.

Nicht das Zertifikat steht im Mittelpunkt.

Nicht die Kursbezeichnung.

Nicht allein die Ausbildungsdauer.

Sondern:

die nachgewiesene Kompetenz einer Person für eine definierte Tätigkeit.

Zertifikate und digitale Nachweise haben weiterhin eine wichtige Funktion.

Sie dokumentieren und verifizieren Kompetenz.

Sie ersetzen die Kompetenz selbst jedoch nicht.


Ein modularer Ansatz

Ein solches Kompetenzmodell hat einen weiteren Vorteil:

Es kann modular aufgebaut werden.

Menschen bringen unterschiedliche Vorbildungen mit.

Ein erfahrener Fahrzeugtechniker benötigt möglicherweise einen anderen Ausbildungsweg als eine Person ohne technische Vorqualifikation.

Eine Elektrofachkraft benötigt wiederum andere ergänzende Inhalte als ein Fahrzeugtechniker.

Auch die Anforderungen unterscheiden sich zwischen:

  • Straßenfahrzeugen,
  • mobilen Maschinen,
  • Motorsport,
  • Luftfahrt,
  • Wasserfahrzeugen,
  • Schienenfahrzeugen.

Ein kompetenzorientiertes Modell ermöglicht deshalb:

unterschiedliche Bildungswege – bei vergleichbaren Kompetenzzielen.

Das macht internationale Vergleichbarkeit wesentlich einfacher.


Eine neue Perspektive auf Qualifikation

Damit verändert sich die grundlegende Logik.

Bisher häufig:

Kurs → Zertifikat → Qualifikation

Kompetenzorientierter Ansatz:

Vorwissen + Lernen + praktische Anwendung + Bewertung

nachgewiesene Kompetenz

individuelles Kompetenzprofil

tätigkeitsbezogene Einsatzmöglichkeit

Das ist ein entscheidender Unterschied.


Im nächsten Beitrag

Wenn technische EV-Kompetenz und elektrische Sicherheitskompetenz voneinander getrennt werden, stellt sich schließlich eine grundlegende begriffliche Frage:

Was soll „HV“ eigentlich beschreiben?

Ist „High Voltage“ – also die Höhe einer Spannung – wirklich die richtige Grundlage für ein Kompetenz- und Ausbildungssystem?

Oder sollte der Fokus vielmehr darauf liegen, wann elektrische Energie für Menschen gefährlich werden kann?

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